Dienstag, 16. Oktober 2012

Crowdfunding. Die Zukunft des Geldes!?



In der Social Media-Welt ist Outsourcing ein Anachronismus. Heute erreicht man via Internet eine Vielzahl gut ausgebildeter Menschen, die Inhalte produzieren, Fachfragen beantworten, Probleme lösen, forschen und entwickeln oder für soziale und kreative Projekte Geld geben - in vielen Fällen erwarten sie dafür keine besondere Gegenleistung. Dieses neuzeitliche Phänomen heißt Crowdsourcing, das vier verschiedene Formen hat:

  • Schwarmintelligenz = Crowd Wisdom,
  • Schwarmkreativität = Crowd Creation,
  • Abstimmung der Vielen = Crowd Voting (GOOGLE ist ein Beispiel für unbewusstes Abstimmen),
  • Crowdfunding.
 
Crowdfunding wird im Ursprungsland USA definiert als

"the collective cooperation, attention and trust by people who network and pool their money together, usually via the Internet, in order to support efforts initiated by other people or organization" (Keyser, Pascal D.: Succesful Crowdfunding Strategies, 2010)
Spendenaufrufe über Zeitungen, Hörfunk und Fernsehen sind im Prinzip nichts anderes. Aber durch das Internet wird die Reichweite vergrößert und es ermöglicht den Vielen eine aktive Beteiligung an den unterstützten Projekten.

Auch für das Crowdfunding haben sich vier Erscheinungsformen herausgebildet:

  • Crowddonating = Spenden an gemeinnützige Organisationen.
  • Crowdsupporting = Zuwendungen an Kreative sowie für soziale und kulturelle Zwecke, der Geldgeber erhält eine kleine Aufmerksamkeit als Gegenleistung. 
  • Crowdlending = Peer-to-Peer Kredite, der Geldgeber erhält Zinsen.
  • Crowdinvesting = Beteiligungskapital für Startups, der Kapitalgeber erwartet eine finanzielle Rendite.
 

 Macht und Weisheit der Vielen (Crowd Wisdom)


Die Qualität von Gruppenentscheidungen hängt vor allem vom Informationsverhalten der Gruppenmitglieder ab. In räumlich zentralisierten Kleingruppen ist zu beobachten, dass nur die Informationen untereinander ausgetauscht werden, die innerhalb der Gruppe sowieso bekannt sind. Informationen, die nur einzelne Mitglieder einer Gruppe haben, werden mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht geteilt. Gruppenentscheidungen, die ausschließlich auf geteilten Informationen beruhen, haben eine geringere Qualität als Entscheidungen, in die auch ungeteilte Informationen eingeflossen sind. Eine hohe Wissensintegration verhindert Fehlentscheidungen. 

Wissensintegration funktioniert gut, wenn die Mitglieder einer Gruppe voneinander unabhängig und räumlich weit verteilt sind. Das Internet kann diese Bedingungen für "Schwarmintelligenz" oder "Weisheit der Vielen" in idealer Weise erfüllen. Ein Geschäftsmodell, das von diesen Phänomenen profitiert, ist das Crowdfunding. Es profitiert die "rauhe Menge" der Kleinanleger, die mit hoher Wahrscheinlichkeit keine Fehlentscheidung trifft und es profitieren Projekteigner, deren Vorhaben als erfolgversprechend erkannt werden. Wer keine ausreichenden Mittel einwirbt, ist gut beraten, die Finger von seinem Projekt zu lassen; ein Projekt zu beenden, bevor es scheitert, ist auch ein Gewinn. Für niedrige Kapitalaufnahmen von 1.000 € bis 100.000 € beginnt sich das Crowdfunding zu etablieren. Aber: Wer Geld gibt, möchte es zu 100 % beim Projekteigner ankommen sehen. Kleinanlegern ist nur schwer zu vermitteln, dass ihre Einlage zu Gunsten des Plattform-Betreibers um ein Disagio von 8 - 10 % geschmälert wird. Aus diesem Grunde fällt es den Anbietern des Crowdfunding schwer, die Gewinnschwelle zu erreichen.

Wer eine Crowdfunding-Plattform bereitstellt, muss einen Mehrwert bieten, für den Kleinanleger und Projekteigner gerne bezahlen. 


Crowdfunding und Verhaltensökonomie


Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht beobachtet beim internetbasierten Crowdfunding ein spezifisches Verhalten,  wonach die Anbieter versuchen, Anleger dafür zu gewinnen, sich ohne lange Überlegung an Projekten zu beteiligen (Jörg BEGNER, BaFin, 5. September 2012). Anbieter versuchen also, Anleger emotional zu berühren. Dementsprechend unterteilt der sehr erfolgreiche Crowdfunder Kickstarter mit dem Motto "FUND & FOLLOW CREATIVITY, Kickstarter is a funding platform for creative projects" seine Projekte in die Kategorien:

Kunst, Comics, Tanz, Design, Mode, Film & Video, Essen & Trinken, Spiele, Musik, Fotografie, Publizieren, Technologie und Theater.

Kickstarter, New York, wurde 2008 gegründet und hat bis September 2012 mit rund 175 Millionen USD über 20.000 Projekte finanziert. 

Der Verhaltensökonom Dan ARIELY zeigt in seinem 2009 neu aufgelegten Buch Predictably Irrational, dass wir uns keineswegs immer rational verhalten, wenn wir Entscheidungen treffen. Unsere Fähigkeit, rational zu entscheiden, wird durch emotionale und ethisch-moralische Beeinflussung sowie durch bloßen Druck erheblich beeinträchtigt, auch bei Entscheidungen, die wir für sehr wichtig halten.




 
Zudem hat Dan ARIELY erkannt, dass unsere Irrationalität berechenbar ist. Erfolgreiche Crowdfunder nutzen diese Erkenntnisse. Dabei nehmen sie in Kauf, dass für diese Strategie nur Projekte infrage kommen, die Emotionen erzeugen, moralische Auffassungen berühren oder sehr schnelle Entscheidungen erfordern.


Crowdfunding und Neuroökonomie


Der Begriff Neuroökonomie bezeichnet die interdisziplinäre Verknüpfung der Neurowissenschaften mit den Wirtschaftswissenschaften. In Deutschland arbeiten der Wirtschaftswissenschaftler Armin FALK und der Epileptologe Christian ELGER an diesem Thema. Mithilfe der funktionalen Kernspin-Tomographie schauen sie quasi "dem Hirn beim Denken" zu und zeigen, dass der Menschen eben kein homo oeconomicus sei.

Emotionen können gesehen und gemessen werden. Das bedeutet, Neuroökonomen schauen sich mit der funktionalen Bildgebung die Tiefenstrukturen des ökonomischen Entscheidens an. Die Neuroökonomie liefert den Wirtschaftswissenschaftlern Werkzeuge, mit denen sie ein Entscheidungsverhalten verstehen können, dass sich ihnen mit den eigenen Methoden nicht erschließt. Nach den Erkenntnissen der Neuroökonomie basiert unser Entscheidungsverhalten nicht auf absoluten Größen, sondern im Grunde auf relationalen Konzepten, also auf dem Vergleich mit Anderen. Damit liefert diese noch junge Disziplin zahlreiche Anknüpfungspunkte für ein funktionierendes Crowdfunding. 


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Crowdfunding und Social Payments


Crowdfunding und Social Payments werden unter dem Oberbegriff Alternative Erlösmodelle zusammengefasst. Das Institut für Kommunikation in sozialen Medien grenzt den Begriff Social Payments von Crowdfunding wie folgt ab:

"Bestand und Format der Inhalte: Während Crowdfunding für noch nicht existierende Inhalte, oder genauer formuliert, für die in Planung befindlichen Projekte durchgeführt wird, wird bei Social Payments für bereits existierende Inhalte jeglicher Art bezahlt. Bei Crowdfunding müssen die Voraussetzungen eines Projekts erfüllt sein, bei Social Payments kann der Nutzer beispielsweise einen interessanten Blogartikel oder eine ansprechende Netzseite unterstützen. 

Zweck: Bei Crowdfunding möchten die Unterstützer hauptsächlich, dass dadurch das Projekt, das sie fördern, zustande kommt, wobei der Erfolg der Crowdfunding-Kampagne keineswegs sicher ist. Bei Social Payments hingegen möchten die Unterstützer den Wert eines Inhalts würdigen. 

Gleichbehandlung von Geldbeträgen: Bei Crowdfunding kann der Projektinhaber je nach Umfang der Unterstützung verschiedene Gegenleistungen erbringen. Bei Social Payments werden alle Unterstützungen gleich behandelt."

(Zitiert nach Kaltenbeck, Julia: Crowdfunding und Social Payments, 2011)