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Freitag, 22. Februar 2013

Wert und Preis bei Konzernintegration


Steter Tropfen höhlt den Stein. Der griechische Epiker Choirilos von Samos (zweite Hälfte des 5. Jahrhunderts v.Chr.) sagte in seinem Gedicht über die Perserkriege: 

"Der Tropfen höhlt den Stein durch Beharrlichkeit".

Mit großer Beharrlichkeit weisen die Vertreter der investitionstheoretisch fundierten Bewertungsmethoden darauf hin, dass nur im Ausnahmefall der Preis eines Unternehmens mit seinem individuellen Wert aus der Sicht eines spezifischen Marktteilnehmers übereinstimmt. Die von vollkommenen Märkten ausgehende Annahme der Übereinstimmung von Wert und Preis, wie sie in allen DCF-Modellen zu finden ist, ist unrealistisch. Thomas HERING und Roland ROLLBERG schreiben in Ihrem Artikel "Aus der Traum - 'Demaskierung' der angelsächsischen Bewertungslehre" (Business + Innovation 01/2011):

"Dabei ist das Auseinanderfallen von gezahltem Marktpreis und subjektivem Ressourcenwert Grundvoraussetzung für das Zustandekommen jeglicher Transaktionen. Nur wenn der Kaufpreis nicht höher (der Verkaufspreis nicht niedriger) als der Wert des Gutes aus Sicht des Nachfragers (Anbieters) ist, kann es zu einem Kauf (Verkauf) von Faktoren, Faktorbündeln, Produkten oder Liquidität kommen."

Diese Beharrlichkeit zahlt sich langsam aus. Die Anhänger der DCF-Methoden beginnen, das Thema "Wert und Preis" zu diskutieren; wenn auch zunächst nur im Zusammenhang mit nicht börsennotierten KMU:

Joerg SCHNEIDER, Konzernexperte Projekt- und Unternehmensbewertung der EnBW Energie Baden-Württemberg AG, hält im Rahmen des von Wolfgang BALLWIESER geleiteten "Jahresforum Unternehmensbewertung" am 15. und 16. Mai 2013 in Frankfurt am Main den Vortrag

"Wert und Preis - Entscheidungsunterstützung bei der potenziellen Integration von (jungen) KMU in einen Konzernverbund"

  • Unterschiede zwischen Wert und Preis
  • Berücksichtigung operativer Einflussnahme
  • Erwartungswerttreue der Plan-Cash-Flows
  • Transparenz über tatsächliche Entscheidungsalternativen

Man darf gespannt sein.

"Marktwertorientierte" Bewertung

 

Wert und Preis in der Unternehmensbewertung





Samstag, 2. Juli 2011

Thoughts on Value and Price

Aswath Damodaran, amerikanischer Vordenker der finanzierungstheoretisch gestützten Methoden zur Unternehmensbewertung räumt ein, dass Wert und Preis eines Unternehmens begrifflich voneinander zu trennen sind:

Behavioral Economics: Thoughts on Value and Price

March 1, 2011

...

Reconciling behavioral finance with my view of the world has been tougher in my other area of interest: valuation. Every semester that I teach the valuation class, using the tools of the trade (discounted cash flow models, relative valuation), I am asked how I would incorporate the findings from behavioral finance into valuation. Here is my reaction. I don't think intrinsic valuation approaches will change much, if at all, as a result of behavioral economics. The expected cash flows are still the expected cash flows and  the required return still has to reflect the perceived risk in the investment.

So, what does change? Remember that to make money of your valuations, not only do you have to be able to value assets but the price has to move towards that value. Behavioral economics provides us with interesting insights on three dimensions:

a. Why do different analysts arrive at different estimates of value for the same company?  When you value a company, you are one of many doing so, often drawing on the same information as other investors, and often using the same models. So why do different analysts arrive at different estimates of value?  By looking at the interaction between psychology and valuation, behavioral economics yields interesting insights into why the values that we arrive at are different (and by extension, why some of us are buyers and others are sellers) and the systematic errors (over valuation or under valuation) that we make as a consequence.

b. Why does price differs from value? In the classical world, the price can deviate from value because investors make mistakes or because the price may reflect information that the analyst may not have or vice versa. With behavioral economics, we are learning that even if investors may behave in ways (refusing to sell losers, wanting to be part of the crowd, being over confident and misassessing probabilities) that cause prices to diverge from value by significant amounts.

c. When will they converge? Behavioral economics may provide us with clues about how quickly convergence between price and value will happen and why the speed may vary across assets. That would be incredibly useful to an investor. Thus, we may be able to answer a question that has historically eluded us: If I buy a cheap stock today (and I am right about it being cheap), how long do I have to wait before my bet pays off?

As investors, it behooves us to not only become conversant with the findings in behavioral finance but to also recognize when following instinct can damage portfolios. Meir Statman, one of my favorite behavioral economists, has written a great book on how investors can overcome their base urges and make better decisions. I hope you get a chance to read it. There is much work to be done, but the foundations are being laid.


Wert

 

Wert und Preis des Unternehmens


 

 

Den Homo Oeconomicus hat es nie gegeben!



Irrationale Kapitalmärkte führen zu irrealen Unternehmenswerten. Dies ist eine der Lehren aus den Finanzkrisen. Die den finanzierungstheoretisch fundierten Methoden der Unternehmensbewertung zugrunde liegenden Annahmen rationaler Investoren beziehungsweise effizienter Kapitalmärkte sind äußerst anspruchsvoll und in der Realität nicht zu erfüllen. Das räumt jetzt auch die DEUTSCHE BUNDESBANK ein:

Die klassische Finanztheorie, die Effizienzmarkthypothese und das Leitbild des mündigen und eigenverantwortlichen Anlegers

Wesentlicher Eckpfeiler der klassischen Finanztheorie ist der rationale Investor. Ihm werden eine rationale Erwartungsbildung und rationale Entscheidungen zugeschrieben. Dies bedeutet, dass er diejenige Alternative wählt, die ihm persönlich den größten Nutzen bringt. Modelltheoretisch gesehen maximiert er seinen Erwartungsnutzen. Der so definierte Homo Oeconomicus besitzt eine eindeutige, vollständige und widerspruchsfreie Präferenzordnung, kennt alle Handlungsalternativen und kann jeder Alternative unter Ausnutzung aller Informationen ihren jeweiligen Zielerreichungsgrad zuordnen. Weiter postuliert die Theorie, dass Anleger eingegangene Risiken sicher quantifizieren können und Transaktionskosten vollständig berücksichtigen. Letztlich besitzen in diesem Rahmen alle Marktteilnehmer ein "korrektes" und somit identisches Entscheidungsmodell. In diesen einfachen Modellen gelten Informationen als kostenlos und unbegrenzt zugänglich.

Fama (Efficient capital markets: a review of theory and empirical work: in Journal of Finance, Band 25, S. 383-417, 1970) verknüpft die Theorie rationaler Erwartungen mit der These informationseffizienter Kapitalmärkte. Hier sind in unterschiedlichen Abstufungen die verfügbaren und für die Einschätzung eines Vermögensgutes relevanten Informationen unmittelbar, vollständig und korrekt in den Preisen verarbeitet. Auf diesen Märkten existieren keine Informationsvorteile, die es einem Investor ermöglichen würden, nachhaltig eine höhere Rendite bei gleichem Risikoniveau zu erreichen (bzw. ein niedrigeres Risikoniveau bei gleicher Rendite). Da auf diesen Märkten alle verfügbaren Informationen verarbeitet sind, ist theoretisch der beobachtete Preis stets identisch mit dem sogenannten fairen oder fundamental gerechtfertigten Preis. Dieser ist der Gegenwartswert aller zukünftigen Netto - Zahlungseingänge, die der Investor aus dem Besitz des Vermögenstitels erwarten darf. Lediglich neue Informaitonen, die für alle Teilnehmer überraschend sind, können somit Kursveränderungen herbeiführen. 

Die Annahmen rationaler Investoren beziehungsweise effizienter Märkte sind äußerst anspruchsvoll und in der Realität nur näherungsweise zu erfüllen, dennoch stellen sie grundsätzlich einen geeigneten und gängigen Rahmen für Finanzmarktmodelle dar. Jedoch hat nicht zuletzt die jüngste Finanzkrise gezeigt, dass diese Modelle oft nur einen begrenzten Erklärungsgehalt bieten können, da das Verhalten von Finanzmarktakteuren nicht oder nur unzureichend mit der klassischen Finanzmarkttheorie erklärt werden kann.

Trotzdem orientieren sich die regulatorischen Überlegungen zum Finanzverbraucherschutz häufig am Leitbild des aus der klassischen Finanztheorie stammenden Homo Oeconomicus. Die Überwindung der Informationsassymetrien zwischen Anbieter bzw. Vermittler einerseits und Anleger andererseits ist zentraler Anknüpfungspunkt dieses Konzeptes. Die Position des Verbrauchers soll durch bessere Informationsversorgung gestärkt und dieser in die Lage versetzt werden, überlegte und an den eigenen Zielen und Möglichkeiten ausgerichtete Anlageentscheidungen zu treffen. Kennzeichen dieses Regulierungsansatzes sind insbesondere anbieterseitige Informations- und Offenlegungspflichten gegenüber dem Verbraucher, wie die Veröffentlichung von Verkaufsprospekten und Produktinformationen sowie die Offenlegung von Interessenkonflikten. Ergänzt wird dieser Ansatz in der Praxis unter anderem durch Maßnahmen zur Stärkung der Rechtsdurchsetzung von Verbrauchern sowie der Marktaufsicht über Anbieter von Finanzdienstleistungen.

(Quelle: DEUTSCHE BUNDESBANK, Monatsbericht Januar 20011, S. 47)


DCF - Methodik der Unternehmensbewertung im Verriss

Agency - Konflikte in der Unternehmensbewertung



Donnerstag, 12. August 2010

Eine neue Theorie der Unternehmensbewertung?


Die Argumentationsfunktion der funktionalen Unternehmensbewertung ist bis heute die am wenigsten durchdrungene Hauptfunktion der Unternehmensbewertung. Diese  theoretische Vernachlässigung ist wohl auf den Aspekt zurückzuführen, dass mit Hilfe des durch die Argumentationsfunktion gebildeten Argumentationswerts eine Änderung des Verhaltens oder wenigstens der Sichtweise des Verhandlungspartners anzustreben ist.  MATSCHKE / BRÖSEL:

Als Argumentationswert wird nicht eine einzelne Wertgröße, sondern die Gesamtheit von Begründungen (Argumenten) bezeichnet, die eine Verhandlungspartei mit dem Ziel der Verbesserung der eigenen Verhandlungsposition oder der Schwächung der Position des Verhandlungspartners und somit der Erreichung eines günstigeren Verhandlungsergebnisses selbst vorträgt oder auch vortragen läßt.

(Matschke, Manfred Jürgen / Brösel, Gerrit: Unternehmensbewertung, 2. Auflage, Wiesbaden 2006, S. 503)

Das Ziel, Verhaltensänderungen seines Verhandlungspartners zu bewirken, setzt Kenntnisse über die Bestimmungsgründe des tatsächlichen menschlichen Entscheidungsverhaltens voraus; das idealtypische Konzept der Annahme rationalen Verhaltens ist für diesen Zweck ungeeignet. Erfahrungsgemäß bewegt sich das menschliche Entscheidungsverhalten auf einer stetigen Skala von "beschränkt rational" bis "vorhersehbar irrational". 

Angesichts dessen rücken beispielsweise experimentelle Untersuchungen des beschränkt rationalen Verhaltens in Finanzmärkten in den naturgemäß noch sehr weiten Blickwinkel des Interesses. Das BonnEconLab, Laboratorium für experimentelle Wirtschaftsforschung der Universität Bonn, hat kürzlich ein gleichnamiges Forschungsprojekt begonnen:

Im Rahmen des Forschungsprojekts soll das Anlegerverhalten auf Finanzmärkten im Laboratorium untersucht werden. Im Vergleich zu früheren Laboratoriumsuntersuchungen betrachten wir in unserer Studie den Finanzmarkt nicht losgelöst von der Realwirtschaft, sondern betten ihn in eine stochastisch wachsende Volkswirtschaft ein. Die Angebotsseite der Laboratoriumsökonomie  wird durch einen stochastischen Prozess simuliert. Die zugrunde liegende Wachstumsverteilung ist den Akteuren der Laboratoriumsökonomie bekannt. Da das realisierte Wachstum der Vorperiode bekannt ist, lässt sich in jeder Periode die Entscheidung berechnen, die den erwarteten Unternehmungsgewinn maximiert.

Die Produktionsentscheidungen der Manager führen zu Gewinnen oder Verlusten in der Unternehmung. Entstandene Gewinne werden teils als Dividenden an die Anteilseigner ausgeschüttet, der Rest verbleibt in der Unternehmung. Die Anteilseigner der Unternehmung werden durch Probanden repräsentiert, die Portfolioentscheidungen treffen. Diese haben verschiedene Möglichkeiten Kapital anzulegen und aufzunehmen: Sie können in Aktien investieren oder liquide Mittel zum Anlagezins im Depot halten; sie können ihr Depot beleihen, sich verschulden, und Shortpositionen in Aktien eingehen. Die Anleger erhalten weitgehende Informationen über die in der Ökonomie bestehenden Unternehmungen: Ihnen liegen die Bilanzen, die Finanzkennzahlen (Multiples) und die historischen Aktienkurse vor.

Die Probanden in unserem Laboratoriumsmarkt haben vergleichsweise umfangreiche Informationen und vielfältige Anlagemöglichkeiten. Dennoch hat die Laboratoriumsökonomie eine wohl definierte analytische Lösung. Aufgrund des Modells können wir beobachtete Abweichungen vom Kapitalmarktmodell CAPM und das Auftreten von Spekulationsblasen quantifizieren sowie Verhaltensanomalien identifizieren. Darüber hinaus erwarten wir aus den experimentellen Ergebnissen Aufschluss, inwiefern historische Kurse und fundamentale Daten für die Marktbewertung relevant sind und inwieweit kursrelevante Informationen den Aktienkurs bestimmen.

Im Rahmen des Projekts testen wir die Effizienz der zwei Marktinstitutionen Kassamarkt und Doppelauktion. Beide Institutionen finden an empirischen Finanzmärkten Anwendung. In experimentellen Studien wurden in der Doppelauktion effiziente Bewertungen von Lotterien mit bekanntem Risiko erzielt. Leider gibt es keine analytische Lösung des Doppelauktionsmodells. Bei gleicher Effizienz wäre daher die Anwendung des Kassamarkts zu bevorzugen.

Einen weiteren Schwerpunkt des Forschungsprojekts bildet die Bemessung der Auswirkung von Transaktionskosten und Ertragssteuern auf Volumina und Volatilität. In der Theorie werden diese Kostenfaktoren meist vernachlässigt. Besonders hinsichtlich der in Deutschland anstehenden Einführung der Abgeltungssteuer scheint uns die Analyse dieser Effekte sinnvoll.

Das herausragende Ziel unseres Forschungsprojekts ist letztendlich die Formulierung einer deskriptiven, verhaltensökonomischen Theorie der Unternehmensbewertung.

An diesem Projekt beteiligt sind Reinhard SELTEN, Tibor NEUGEBAUER und Simon ZEHNDER. BonnEconLab wurde 1984 von Nobelpreisträger Reinhard SELTEN gegründet.

Exkurs "Rationalität":

In der ökonomischen Theorie ist die Auffassung vorherrschend, dass das wirtschaftliche Verhalten durch Optimierungsansätze beschrieben werden kann. Es werden unbegrenzte Denk- und Rechenfähigkeiten unterstellt. Die experimentelle Forschung der letzten Jahrzehnte hat deutlich gezeigt, dass dieser Ansatz nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmt. Es ist das Ziel des Projekts, eine wirklichkeitsnähere Theorie der eingeschränkten Rationalität zu entwickeln. Der Ausgangspunkt ist die Annahme, dass Menschen weder über eine konsistente Präferenzordnung verfügen noch über die Informationsverarbeitungskapazität für vollständige und konsistente Wahrscheinlichkeitsurteile. Die angestrebte Theorie wird daher nicht-optimierendes Verhalten beschreiben, das auf Prozeduren gestützt ist, deren einzelne Schritte durchaus vernünftig sind. Im Laufe des Projektes werden fünf Problembereiche untersucht werden: Zielbildung, Anspruchsanpassung, qualitatives Schliessen, fallbasierte Entscheidung und innere Konflikte. Die an die Ziele gerichteten Ansprüche werden durch Anspruchsanpassung an die Entscheidungsergebnisse angepasst. Die Ziel- und Anspruchsbildung wird auf qualitative mentale Modelle gestützt. Eingeschränkt rationale Entscheidung beruht auf Fallunterscheidung. In den einzelnen Fällen werden unterschiedliche Prozeduren verwendet. Die Motivation für eingeschränkt rationale Entscheidungen beruht auf emotionalen Antrieben, die sich im Konflikt miteinander befinden können. Es ist daher wichtig, die Rolle dieser inneren Konflikte im Entscheidungsprozess zu untersuchen. Die theoretische Forschung soll auf umfangreiche experimentelle Untersuchungen gestützt werden, die am Laboratorium für experimentelle Wirtschaftsforschung der Universität Bonn stattfinden werden. 
 
(Akademieprojekt Rationalität im Lichte der experimentellen Wirtschaftsforschung, Leiter: Reinhard SELTEN)
 
 
 
 





 

Freitag, 30. Juli 2010

"Marktwertorientierte" Bewertung


Bei der Unternehmensbewertung sind Wert und Preis des zu bewertenden Unternehmens strikt auseinander zu halten.



Allgemein formuliert:

Als Wert lassen sich die möglichen Einigungsbedingungen zwischen dem präsumtiven Käufer und dem potenziellen Verkäufer des zu bewertenden Unternehmens bezeichnen, die zum erreichbaren Nutzen ohne Einigung führen.

Der Preis ist in diesem Zusammenhang die tatsächliche Einigungsbedingung zwischen Käufer und Verkäufer. Er bildet die Realität ab und ist objektiv, weil er für beide Konfliktparteien gilt.



Der von den finanzierungstheoretisch fundierten Bewertungsverfahren gesuchte "intrinsische" Wert eines Unternehmens im Sinne eines "Marktwerts" hat mit dem Begriffsinhalt des Preises nichts zu tun. Es ist geradezu paradox, dass in diesen Bewertungsansätzen ein Marktgeschehen für Unternehmen als Ganzes simuliert wird, in welchem Wert und Preis durch Arbitrageprozesse in Übereinstimmung gebracht werden. Wären Wert und Preis eines Unternehmens tatsächlich identisch, gäbe es weder für den präsumtiven Käufer noch für den potenziellen Verkäufer eines Unternehmens irgendeinen Anreiz dafür, ein Unternehmen zu kaufen bzw. zu verkaufen. Diese alte Erkenntnis der Motivation für jedes Marktgeschehen geht bei den neoklassisch inspirierten Bewertungsmethoden verloren. Selbst jede Aktienkursbildung basiert auf der aus Sicht des Käufers bzw. Verkäufers bestehenden Differenz zwischen Preis und Wert.



Das idealisierte Gleichgewichtsmodell der marktwertorientierten Unternehmensbewertung ist von der funktionalen Unternehmensbewertung, die ein Entscheidungsmodell ist, abzugrenzen. Thomas HERING schreibt in diesem Zusammenhang:


Gleichgewichtsmodelle verfolgen einen anderen Zweck als Entscheidungsmodelle: Aussagen über ein Marktergebnis im Kapitalmarktgleichgewicht erfordern strenge, idealisierende Annahmen, die für eine reale Entscheidungssituation, in der es auf die individuell gegebenen Verhältnisse des Bewertungssubjekts ankommt, im allgemeinen nicht zutreffen. Über die Größe und Tolerierbarkeit des mit dem Einsatz von Gleichgewichtsmodellen als Entscheidungsmodelle begangenen Fehlers hat der gleichgewichtsorientierte Modellvereinfacher Rechenschaft abzulegen.

...

Das ureigene Anwendungsgebiet der kapitalmarkttheoretischen Unternehmensbewertung ist die Bereitstellung von Argumentationswerten. Dies wird zumindest so lange der Fall sein, bis der z.T. künstlich erzeugte Neuigkeitswert der DCF - Verfahren der Ernüchterung zu weichen beginnt und auch die meisten Verhandlungspartner erkennen, daß eine mit statistischen Tabellenkalkulationsdaten gefütterte Bewertungsformel mit ihrem rechnerisch fingierten objektiven "Marktwert" vor dem komplexen Problem der Unternehmensbewertung kapitulieren muß.




(Hering, Thomas: Unternehmensbewertung, 2. Auflage, München 2006, S. 240-242)


Die marktwertorientierten Verfahren der Unternehmensbewertung sind schlecht fundiert; sie kombinieren kurzerhand finanzierungstheoretische Modelle (Modigliani/Miller - Modell und CAPM) miteinander, deren Prämissenkataloge in einigen Punkten unvereinbar sind:



MODIGLIANI/MILLER-Modell
CAPM




Erkenntnisobjekt Unternehmen als Ganzes
eine Anteilseinheit




Betrachtetes


Unternehmensrisiko finanzwirtschaftlich
leistungswirtschaftlich




Präferenzfreiheit ja
nein




Planungshorizont unendlich
eine Periode




Den allgemeinen Hintergrund der marktwertorientierten Bewertung hellen Manfred Jürgen MATSCHKE und Gerrit BRÖSEL weiter auf:


Diese jüngere objektive Bewertungskonzeption negiert - anders als die ältere objektive Lehre - den Unterschied zwischen Wert und Preis. Obwohl zumeist übersehen, geht es im eigentlichen Sinne bei der marktwertorientierten Bewertung nicht um die Feststellung des Wertes eines Unternehmens als Ganzes, sondern um die Feststellung des Marktwertes der Handelsobjekte auf einem vollkommenen und vollständigen Kapitalmarkt bei Vollständigkeit des Wettbewerbs, auf dem die subjektiven Werte der Marktteilnehmer mit dem resultierenden objektiven Preis übereinstimmen. Bei einem börsenmäßig organisierten Kapitalmarkt sind die Handelsobjekte grundsätzlich einzelne in Wertpapieren verbriefte Anteile am Eigen- oder Fremdkapital eines börsengängigen Unternehmens. Der Marktwert des Unternehmens wird daher als Summe aus den Marktwerten der Handelsobjekte hergeleitet. Begrifflicher Ausgangspunkt bei der marktorientierten Bewertung ist also der Wertbegriff im Sinne von Tauschwert. Der Marktwert des Eigenkapitals einer börsennotierten Aktiengesellschaft entspricht ihrem Börsenkurswert, der sich als Produkt aus Aktienanzahl und Aktienkurs ergibt.


Auf dem von den Vertretern der marktorientierten Bewertung unterstellten Markt gilt, daß homogene (gleichartige) Güter zur gleichen Zeit (d.h. auf dem selben Markt) zum gleichen Preis gehandelt werden. Der Kenntnisstand aller Marktteilnehmer ist gleich; die Schlußfolgerungen aus Informationen stimmen überein. Der einzelne Marktteilnehmer hat auf diesem Markt keine Marktmacht. Sein Handeln vermag den Preis nicht zu beeinflussen; der Preis ist für ihn ein Datum, mithin nicht gestaltbar. Wert und Preis stimmen unter diesen idealen Marktbedingungen theoretisch überein. Diese Gleichgewichtstheorie basiert auf ARROW und DEBREU und ermöglicht unsichere Zahlungsströme zu bewerten, "daß für alle Marktteilnehmer unabhängig von ihrer individuellen Risikoneigung derselbe Entscheidungswert resultiert, der aus Arbitragegründen auch zum Marktpreis werden muß." Als Voraussetzung dafür müssen auf diesem Markt die restriktiven und stark idealisierten Bedingungen für eine arbitragefreie Bewertung, nämlich Vollkommenheit und Vollständigkeit des Marktes sowie Vollständigkeit des Wettbewerbs, gelten:


  1. Vollkommenheit des Marktes liegt vor, wenn alle Marktteilnehmer Kenntnis über die finanziellen Rückflüsse (Zahlungsströme) sämtlicher am Markt gehandelter Wertpapiere besitzen und diese Rückflüsse der Höhe wie der zeitlichen Struktur nach für alle Marktteilnehmer gleich sind. Alle Marktteilnehmer können jeden Zahlungsstrom (verkörpert durch die gehandelten Wertpapiere) in unbegrenztem Umfang ohne Transaktionskosten zum gleichen Preis kaufen oder verkaufen.

  2. Vollständigkeit des Marktes bedeutet, daß mit den gehandelten Wertpapieren (Zahlungsströme) durch Linearkombinationen alle möglichen Umweltzustände abgebildet werden können, so daß ein beliebiger zu bewertender Zahlungsstrom (Wertpapier) dann auf dem Markt durch die gehandelten Wertpapiere nachgebildet werden kann. Die gehandelten Wertpapiere spannen also den gesamten Umweltzustandsraum auf (sog. "Spanning - Eigenschaft").

  3. Vollständigkeit des Wettbewerbs stellt darauf ab, daß kein Marktteilnehmer Marktmacht besitzt und deshalb die Marktpreise gehandelter Wertpapiere nicht beeinflussen kann. Vielmehr agieren alle als Mengenanpasser, denn neue Zahlungsströme ändern nicht die am Markt herrschenden Preise (sog. "Competitivity - Eigenschaft"). 
Unter diesen wirklichkeitsfremden Prämissen läßt sich jeder beliebige Zahlungsstrom mit dem (ARROW - DEBREU -)Preis P* des zu seiner Nachbildung erforderlichen, aus am Markt gehandelten Wertpapieren (Zahlungsströmen) zusammengesetzten, Portefeuilles bewerten. Kein Käufer würde schließlich mehr als diesen Preis P*, den "Vollreproduktionswert" des Zahlungsstroms, zahlen, weil er für P* am Markt einen mit dem Bewertungsobjekt identischen Zahlungsstrom generieren kann. Schließlich würde sich auch kein Verkäufer mit weniger als dem "Liquidationserlös" P* zufriedengeben, weil die gesamten Rückflüsse des Bewertungsobjekts an diesem Markt zu P* absetzbar sind. Der "Vollreproduktionswert" P* wäre zugleich der Grenzpreis des Käufers und der "Liquidationswert" P* der Grenzpreis des Verkäufers. Beide stimmen in dieser (Schein-)Welt überein, so daß auch der resultierende Preis (=Marktpreis) nur deren Höhe P* annehmen kann, denn es gibt hier keinen Verhandlungsspielraum.

(Matschke, Manfred Jürgen / Brösel, Gerrit: Unternehmensbewertung, 2. Auflage, Wiesbaden 2006, S. 25-27).

Marktorientierte Bewertungsverfahren haben ihren Ursprung in den USA. Die dort stark ausgeprägte Verbreitung der marktwertorientierten Bewertungsmodelle lässt sich auf die  entsprechend große Bedeutung der Kapitalmärkte zurückführen. Dagegen ist der deutsche Kapitalmarkt stark in Marktsegmente zergliedert und auf regionale Börsenplätze verteilt. Außerdem weist der deutsche Kapitalmarkt einen vergleichsweise geringen Anteil an Streubesitz auf; hier gibt es starke Verflechtungen innerhalb der Industrie bzw. mit den Banken. Darüber hinaus gibt es einen hohen Anteil an Familienbesitz.  Diese Friktionen schränken die Funktionsfähigkeit des Kapitalmarktes erheblich ein. Angesichts dessen ist es fraglich, ob die von den Befürwortern der marktwertorientierten Unternehmensbewertung angestrebte "Objektivität" durch Marktorientierung erreicht wird.

Im Übrigen hängt der Nutzen eines Unternehmensanteils nicht nur von seinen "objektiven" Eigenschaften ab, sondern vor allem von der subjektiven Nutzeneinschätzung des präsumtiven Käufers. Karl KÄFER hat sich bereits 1969 grundsätzlich zu diesem Thema geäußert:


Wirtschaftlicher Wert ist nicht eine gewissen Dingen oder Vorgängen innewohnende Eigenschaft, sondern eine Beziehung von Menschen zu solchen nutzbringenden Gütern und Leistungen.


Insofern können sich die Preise von Person zu Person unterscheiden, die der Einzelne bereit wäre, für einen Unternehmensanteil zu bezahlen. Im deutschen Schrifttum wird allgemein anerkannt, dass der Unternehmenswert von dem subjektiven Nutzen abhängt, den das Bewertungsobjekt (= zu bewertendes Unternehmen) stiftet. Der Wert eines Unternehmens hängt also davon ab, welchen Nutzen, d.h. welchen Beitrag zur Erreichung angestrebter Ziele, es für seine Eigentümer erbringen kann. Der Unternehmenswert ist deshalb von deren individuellen Zielsystemen abhängig; er variiert mit einem Wechsel von Person, Situation und Informationsstand. Neben dem Zielsystem, aus dem hervorgeht, was der Entscheidungsträger anstrebt, ist für die Bewertung ein Präferenzsystem notwendig, mit dem der Bewerter das Erstrebte beurteilt. 


Dagegen soll VON HAYEK bei der Präsentation der Theorie, wonach der Unternehmenswert durch Diskontierung von Zahlungsströmen ermittelt wird, bemerkt haben, er sei immer davon ausgegangen, diese Aufgabe der Bewertung von Unternehmen übernehme der Kapitalmarkt. In der Unternehmensbewertung steht man aber vor dem Problem, dass man meistens gerade den Wert von Unternehmen bestimmen soll, deren Eigentumsanteile nicht am Kapitalmarkt gehandelt werden. Gemäß der marktwertorientierten Bewertung dient jedoch auch in diesen Fällen der Kapitalmarkt als Ausgangspunkt der Bewertung, wenn versucht wird, die Bewertung, die an einem effizienten, gleichgewichtigen Kapitalmarkt stattfinden würde, in einer idealisierten Welt nachzubilden. Diese idealisierte Welt ist insbesondere durch die oben genannten Prämissenkataloge des CAPM sowie des MODIGLIANI / MILLER - Modells vergegenständlicht. 

Die Güte einer marktwertorientierten Bewertung bemisst sich danach, wie nahe diese idealisierte Welt der realen Welt der Märkte kommt. Es spricht vieles dafür, dass das ideale Gleichgewichtsmodell der marktwertorientierten Bewertung nicht im Entferntesten dazu in der Lage ist, reale Kapitalmärkte abzubilden. Zur Verdeutlichung dienen folgende Charakterisierungen realer Märkte durch Benoit B. MANDELBROT und Richard L. HUDSON:


  1. Märkte sind riskant

    Auf Finanzmärkten sind extreme Kursumschwünge die Regel und keine Abweichungen, die man ignorieren kann. Preisbewegungen folgen nicht der manierlichen Glockenkurve, wie die moderne Finanztheorie annimmt, sondern sind an einer wilden Kurve ausgerichtet, die den Weg eines Anlegers viel holpriger macht. Eine vernünftige Handelsstrategie oder Portfoliozusammenstellung müßte diese kalte, harte Tatsache in ihre Grundlagen einbauen.
    ...

  2. Störungen treten in Serien auf

    Marktturbulenzen bilden tendenziell Cluster. Für einen erfahrenen Händler ist das keine Überraschung. In den Handelsräumen überall auf der Welt sind die ersten 15 Handelsminuten jeden Morgen von entscheidender Bedeutung. Es ist der Moment, in dem erfahrene Händler, starr auf ihre Bildschirme blickend, dem Markt die Temperatur fühlen. Sie wissen, wenn ein Markt kabbelig öffnet, kann es leicht so weitergehen. Sie wissen, daß auf einen wilden Dienstag ein noch wilderer Mittwoch folgen kann. Und außerdem wissen sie, daß gerade in diesen wilden Augenblicken  - den seltenen, aber immer wieder auftretenden Krisen der Finanzwelt - die größten Vermögen der Wall Street gemacht oder verloren werden. Sie brauchen keinen Wirtschaftswissenschaftler, der ihnen all das erzählt. Doch ihre Intuition, die im Standardmodell der vollkommenen Märkte nicht enthalten ist, wird vom multifraktalen Modell vollkommen bestätigt.

  3. Märkte haben Charakter

    Kurse werden nicht allein durch Ereignisse der realen Welt, Nachrichten und Menschen in Gang gehalten. Wenn Anleger, Spekulanten, Industrielle und Banker auf einem realen Markt aufeinandertreffen, erwächst daraus eine spezielle, neue Art der Dynamik - größer und anders als die Summe der Teile. Bei Ökonomen heißt das so: Zu einem wesentlichen Teil werden Kurse durch endogene Effekte bestimmt, die den inneren Mechanismen des Marktes selbst zu eigen sind, und nicht allein durch das exogene Wirken äußerer Ereignisse. Zudem ist dieser innere Marktmechanismus bemerkenswert dauerhaft. Kriege beginnen, der Frieden kehrt zurück, Volkswirtschaften wachsen, Firmen scheitern - all das kommt und geht und beeinflußt die Kurse. Doch der grundlegende Prozeß, durch den Kurse auf Nachrichten reagieren, bleibt unverändert. Ein Mathematiker würde sagen, Marktprozesse sind "stationär". Dies widerspricht einigen Möchtegern - Reformern des Zufallspfad - Modells, die die Art, in der Volatiliät geballt auftritt, mit der Behauptung erklären, der Markt würde sich irgendwie ändern und die Volatilität deswegen variieren, weil der Mechansimus der Kursbildung sich ändert. Das ist falsch. Ein schlagendes Beispiel: Meine Analyse der Baumwollpreise während des vergangenen Jahrhunderts zeigt für die letzte Jahrhundertwende, als die Preise nicht reguliert waren, das gleiche breite Muster der Preisvariabilität wie in den dreißiger Jahren, als sie im Rahmen des New Deal reguliert waren.


  4. Märkte führen in die Irre

    Muster sind das Narrengold der Finanzmärkte. Die Macht des Zufalls reicht aus, scheinbare Muster und Pseudozyklen hervorzubringen, die für alle Welt vorhersagbar und diskontierbar erscheinen. Ein Finanzmarkt ist jedoch besonders anfällig für statistische Trugbilder dieser Art. Meine mathematischen Modelle können Tabellen erzeugen, die allein durch das Wirken von Zufallsprozessen scheinbare Trends und Zyklen zeigen. Sie würden jeden professionellen "Chartisten" an der Nase herumführen. Ebenso sind Blasen und Abstürze Bestandteil der Märkte. Sie stellen die unvermeidliche Folge des menschlichen Bedürfnisses dar, in der Regellosigkeit Muster zu finden.

  5. Die Marktzeit ist relativ

    Auf den Finanzmärkten existiert so etwas wie eine Relativität der Zeit. Ich stellte mir schon früh, doch vor allem während der Entwicklung des multifraktalen Modells vor, daß Märkte in einer eigenen "Handelszeit" funktionieren, die sich recht deutlich von der linearen "Uhrzeit" unterscheidet, in der wir normalerweise denken. Diese Handelszeit läßt die Uhr in Zeiten hoher Volatilität schneller laufen; in stabilen Perioden bremst sie sie ab.
    ...


    (Mandelbrot, Benoit B. / Hudson, Richard L.: Fraktale und Finanzen. Märkte zwischen Risiko, Rendite und Ruin. München Zürich 2007, S. 47-52)
 
 
Zarathustra ist wahrhaftiger als sonst ein Denker. Seine Lehre und sie allein hat die Wahrhaftigkeit als oberste Tugend - das heißt den Gegensatz zur Feigheit des "Idealisten", der vor der Realität die Flucht ergreift.

(Friedrich Nietzsche: Ecce Homo)



















Dienstag, 5. Januar 2010

Unternehmensbewertung im 21. Jahrhundert



Für die Unternehmen des 21. Jahrhunderts ist Wissen zum zentralen Erfolgsfaktor geworden.  Wissensbasis und Innovationsstärke bestimmen unmittelbar die Überlebensfähigkeit von Unternehmen. Die Wechselbeziehungen zwischen Wirtschaft und Wissenschaft werden enger. Wissen ist aber nicht nur eine Ressource, es prägt auch Machtverhältnisse und begründet Zugehörigkeit.

Die Teilhabe an Informations- und Kommunikationsnetzen sowie an sozialen Netzwerken spielt eine entscheidende Rolle für den Erfolg des Einzelnen im Unternehmen sowie für den Erfolg von Unternehmen in der globalen Wirtschaft.


Die Netzwerkgesellschaft des frühen 21. Jahrhunderts ist eine Gesellschaft, welche durch die Verbindung von Informationstechnologie und Globalisierung geprägt ist. Diese Verbindung zeigt sich vor allem in den Unternehmen, die in immer kürzer werdenden Zeiträumen zu dramatischen Umbrüchen fähig sein müssen, wenn sie überleben wollen. Organisationsmodelle und hierarchisch basierte Führungskonzepte des industriellen Zeitalters werden derartigen Anforderungen nicht mehr gerecht. 


Präsumtive Käufer von Unternehmen können also an so genannten Netzwerkunternehmen interessiert sein. Deren Sozialkapital wäre künftig nicht allein für die Zwecke des zu kaufenden Unternehmens sondern auch für andere Zwecke des präsumtiven Käufers nützlich. Ein präsumtiver Verkäufer tut gut daran, die daraus resultierende komplexe Mehrdimensionalität seiner Verhandlungssituation zu erkennen und seine Verhandlungsführung darauf auszurichten. 


In unserer zunehmend komplexer werdenden Welt gehören Verhandlungssituationen, in denen der "Einigungsbereich" sozusagen eindimensional allein durch die Höhe des in Währungseinheiten ausgedrückten Kaufpreises für ein Unternehmen definiert wird, der Vergangenheit an. 


Diese vollkommen subjektiven Überlegungen schrauben die Erwartungen an eine  zeitgemäße Bewertungstheorie ziemlich hoch. Bei realistischer Betrachtung ist es aber selbstverständlich, dass wir in der Frühphase des Informationszeitalters noch nicht über operationale Bewertungsmodelle verfügen können, die der zunehmenden Komplexität der Unternehmenswelt angemessen sind. Aber: Es wäre beruhigend, zu wissen, dass es für derartige Modelle ein solides theoretisches Fundament gibt. 


Manfred Jürgen MATSCHKE hatte es mit seinem Vortrag 


Grundzüge der funktionalen Unternehmensbewertung


den er auf Einladung von Gerrit BRÖSEL am 16.12.2009 an der TU Ilmenau im vollbesetzten Audimax hielt, somit nicht leicht. MATSCHKEs von Anfang an klare und allgemein verständliche Ausdrucksweise sowie seine auf eine sehr sympathische Art souveräne Vortragskunst - beides erklärt sich nicht allein durch mehr als 30 Jahre Lehrerfahrung - deuteten auf einige "Asse in seinen Ärmeln" hin. 



Gerrit Brösel (links), Manfred Jürgen Matschke (rechts)

Copyright: Sven Müller

 


MATSCHKE spielte seine "Trümpfe" dann wie folgt aus:


Konzeptionen der Unternehmensbewertung


Wert und Preis sind zu unterscheiden! Der Wert ist eine subjektive, vom Zielsystem und Entscheidungsfeld sowie von der Aufgabenstellung abhängige Größe. Der Preis ist eine objektive Größe und Resultat einer gegebenen Marktsituation.


In seiner kurzen Begrüßungsansprache wies Gerrit BRÖSEL zurecht auf die Finanzkrise hin, die auch deshalb möglich war, weil Anleger - den finanzierungstheoretischen Ansätzen der Unternehmensbewertung folgend - von effizienten Finanzmärkten ausgegangen sind, auf denen Preis und Wert eines Unternehmens stets übereinstimmen. Inzwischen findet jedoch der Begriff der (Spekulations-) Blase mehr und mehr Eingang in die wissenschaftliche Diskussion; vorerst als vorübergehende Markt - Ineffizienz. Radikaler ist die Ansicht, dass Finanzmärkte überhaupt kein Gleichgewicht haben.


In diesem Zusammenhang ist auch zu beachten, dass es keine Märkte für Unternehmen als Ganzes gibt. Eine Modellierung derartiger Märkte ist bislang nicht möglich. Zu diesem Zweck haben sich die Begründer der finanzierungstheoretischen Bewertungsmodelle Theorien  zugeeignet, die dafür nicht entwickelt worden sind (wie beispielsweise das Capital Asset Pricing Model CAPM). 


Gerrit BRÖSEL rief dankenswerterweise zur 

Rückbesinnung auf "deutsche Theorien" 

auf. Neben Gutenberg verwies er auf Schmalenbach, den er mit den Worten



der Zweck bestimmt die Rechnung


zitierte. Schließlich sei eine Unternehmensbewertungsrechnung - wie jede andere Rechnung auch - zweckorientiert und folglich nicht allgemeingültig. 


Die Tatsache potenziell unterschiedlicher Bewertungen durch Verkäufer und Käufer für dasselbe Unternehmen drückt also den subjektiven Charakter der funktionalen Unternehmensbewertung aus, mit deren Hilfe individuelle Grenzpreise, keine Marktpreise, ermittelt werden.



Hauptfunktionen und ihre Wertarten


Die funktionale Unternehmensbewertung ist in ihren Hauptfunktionen grundsätzlich individualistisch, d.h. auf die konkreten Ziele, Pläne und Erwartungen sowie Handlungsmöglichkeiten der Bewertungssubjekte auf unvollkommenen Märkten, sowie konfliktorientiert, d.h. auf einen im Zusammenhang mit Eigentumsänderungen möglichen interpersonalen Konflikt zwischen (grundsätzlich) wenigen Entscheidungssubjekten und mit mehreren konfliktlösungsrelevanten Sachverhalten, ausgerichtet. Sie geht insgesamt hinsichtlich ihrer Problemsicht von den in der Realität vorzufindenden Bedingungen aus, die freilich modelltheoretisch vereinfacht abgebildet werden. Sie ist keine Gleichgewichtstheorie. 


Achtung: Das ist keine "Definitionswüste"! In der Tat geht die funktionale Unternehmensbewertung "hinsichtlich ihrer Problemsicht von den in der Realität vorzufindenden Bedingungen" aus, nämlich von unvollkommenen Märkten und von Komplexität. MATSCHKE sieht die Aufgabe von Theorie offenbar darin, in praktischen Fragen Handlungsanweisungen zu geben. Hier geht es also um Handwerkszeug für Denkprozesse. Solche Denkprozesse sind aber gerade im Bereich der Unternehmensbewertung nicht leicht durchzuhalten. Es sind sichere Ausgangspositionen und Grundlagen notwendig. MATSCHKEs Theorie der funktionalen Unternehmensbewertung trägt vor allem im 21. Jahrhundert, weil sie mit Komplexität umgehen kann. In der Unternehmensbewertung entsteht Komplexität, wenn der Entscheidungswert als mehrdimensionale Größe betrachtet wird. Der zukunftsfähige Handlungsbezug ist für Ökonomik grundsätzlich notwendig; Ökonomik will mehr als nur im nachhinein erklären.



Systematisierung der Bewertungsanlässe


Die funktionale Unternehmensbewertung kennt ein Ordnungsraster. Dieses Ordnungsraster dient der Komplexitätsreduktion. Die erfassten interpersonellen Konfliktsituationen werden gegliedert, um gleichgelagerte Fälle von zu unterscheidenden Fällen zu trennen und somit die modelltheoretische Analyse sowie die Ableitung adäquater Bewertungsmodelle zu unterstützen.


Die hauptsächlichen Gliederungskriterien der Bewertungsanlässe sind:


1. Die Art der Eigentumsänderung (Kauf / Verkauf, Fusion / Spaltung),
2. der Grad der Verbundenheit (jungiert / disjungiert),
3. der Grad der Komplexität (ein- / mehrdimensional),
4. der Grad der Dominanz (dominiert / nicht - dominiert).






Erweiterung des Ordnungsrasters durch Olbrich / Heinz, Wpg. 2009, S. 545ff.:
Die Autoren haben aufgrund der §§ 35 ff. WpÜG das Ordnungsraster um ein neues Paar erweitert. Der zunächst eigeninitiierte Erwerb von Aktien an einem Kaufobjekt kann nach dem WpÜG für den Käufer im Anschluss, d.h. bei überschreiten der Kontrollgrenze, zu einem verpflichtenden Angebot sowie Erwerb weiterer Aktien führen, so dass der Umfang des Bewertungsobjekts nicht von vornherein genau abgrenzbar sein kann. Der Umfang des weiteren Anteilserwerbs ergibt sich aus dem Verhalten der übrigen Aktionäre auf das Pflichtangebot. Es handelt sich dabei nicht um eine mehrdimensionale Konfliktsituation, in der der Umfang des Bewertungsobjekts Verhandlungsgegenstand ist.


Wie an dieser Arbeit von Olbrich / Heinz gut zu sehen ist, lässt die funktionale Unternehmensbewertung auch bei sehr speziellen Problemstellungen in ihren Grundlagen Erweiterungen zu, ohne dass dafür andere Theorieteile "geopfert" werden müssen.



Entscheidungswert als ein- und mehrdimensionale Größe


Der "Standardfall" der Unternehmensbewertungstheorie ist eine disjungierte Konfliktsituation vom Typ des Kaufs / Verkaufs mit dem Preis als einzigem konfliktlösungsrelevanten Sachverhalt. Der Entscheidungswert des Verkäufers ist dann der von ihm mindestens zu fordernde Preis P (min.), der Entscheidungswert des Käufers der von ihm höchstens zahlbare Preis P (max.). Eine Einigungsmöglichkeit besteht zwischen P (min.) und P (max.), jeweils einschließlich.






In der Realität geht es regelmäßig um mehrere konfliktlösungsrelevante Sachverhalte preislicher und / oder nicht - preislicher Art. Die Entscheidungswerte der Parteien stellen dann grundsätzlich Mengen von Konfliktlösungen dar, die eine Indifferenz zwischen der Vornahme oder Nicht - Vornahme der vorgesehenen Handlung abbilden. Eine Einigung setzt dann voraus, dass es eine nicht - leere Schnittmenge hinsichtlich der aus der Sicht aller Konfliktparteien akzeptablen Konfliktlösung gibt. Aus ihr müssen die Parteien eine Lösung als Einigungslösung finden.


Die funktionale Unternehmensbewertung ist in einem besonderen Maße zukunftsfähig, weil sie mit komplexen Verhandlungssituationen, in denen auch nicht - preisliche konfliktlösungsrelevante Sachverhalte vorkommen, umgehen kann. In diesem Fall wird die enge Definition des Entscheidungswertes als Grenzpreis auf einen Komplex von Bedingungen erweitert, die bei einer Einigung über Kauf oder Verkauf eines Unternehmens aus Sicht des Käufers / Verkäufers eingehalten werden müssen.



Modelle der Entscheidungswertermittlung - Entscheidungswert als allgemeine Konzessionsgrenze


Das zweistufige Konzept mit der Ermittlung des Basisprogrammnutzens als Vergleichsmaßstab und mit der Ermittlung des Entscheidungswertes als Grenze der Konzessionsbereitschaft unterstreicht die Notwendigkeit eines rationalen Abwägungsprozesses jeder Konfliktpartei in interpersonellen Konfliktsituationen. Entscheidend ist nicht, was andere tun (könnten), sondern was man selber noch akzeptieren kann oder was man lieber lassen sollte.






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MATSCHKE hebt damit nochmals die Subjektivität jeder Bewertung bei unvollkommenen Märkten hervor. In allgemeinen Worten: Bewertung bedeutet, auf Basis der persönlichen Zielsetzung den individuellen Grenznutzen des knappen Gutes in der Grenzverwendung zu bestimmen. 


In diesem Zusammenhang ist die Zweistufigkeit des Bewertungsprozesses hervorzuheben. Aus finanzwirtschaftlicher Sicht wird mit dem Kauf eines Unternehmens ein künftiger Zahlungsstrom erworben. Es gilt, diesen Zahlungsstrom zu bewerten. Um den Wert derartiger Zahlungsströme zu ermitteln, bietet sich das lineare Grundmodell der mehrperiodigen, dynamischen Investitions- und Finanzierungsplanung an, das beispielsweise das Endvermögen am Planungshorizont maximiert. Eine erste Abschätzung des subjektiven Grenzpreises für einen zusätzlichen Zahlungsstrom zu einem bestimmten Zeitpunkt ergibt sich dann aus seinem Gegenwartswert. Dieser Gegenwartswert lässt sich mithilfe der aus der Optimallösung des Ausgangsproblems - ohne Berücisichtigung des zu bewertenden Zahlungsstroms - herleitbaren periodenspezifischen Grenzzinsfüße berechnen (einfache Bewertung). Eine zweifelsfreie exakte Ermittlung von Grenzpreisen darf aber etwaige aus den zusätzlichen Finanzmittelzuflüssen resultierende Umstrukturierungen (im ursprünglich optimalen Investitions- und Finanzierungsprogramm) sowie dadurch veränderte Grenzzinsfüße nicht ignorieren (komplexe Bewertung). Aus diesem Grunde ist der Bewertungsakt zweistufig zu konzipieren. 


Im ersten Schritt wird gewissermaßen ein Vergleichsmaßstab bestimmt. Dies ist das Basisprogramm. Im zweiten Schritt kommt es zur Bewertung des Unternehmens nach dem Kauf / Verkauf, ihn formuliert das Bewertungsprogramm.



Das allgemeine Modell der Entscheidungswertermittlung ist offen für jede Konkretisierung des Zielplans (Nutzwert) und des Entscheidungsfeldes (Alternativenmenge) sowie für jede "beliebige" Konfliktsituation. Nutzwertermittlung und Alternativenbildung werden als gegeben vorausgesetzt.


Die später vorgestellten Modelle der Entscheidungswertermittlung - Zustandsgrenzpreismodell und Zukunftserfolgswertverfahren - sind aus dem Allgemeinen Modell der Entscheidungswertermittlung abgeleitet. MATSCHKE hat dieses Allgemeine Modell in den 1970er Jahren zu einer Zeit entwickelt, als bei der Lösung des Problems der Grenzpreisermittlung noch der Vorschlag dominierte, die aus dem Unternehmen fliessenden Einkommen mit dem internen Zinsfuß der besten der alternativ möglichen Kapitalverwendungen zu diskontieren. 1966 schrieb MÜNSTERMANN:


Bei subjektiver Unternehmungsbewertung kapitalisiert der Investor die künftigen Nettoeinnahmen mit dem Zinsfuß seiner Rentabilitätsforderung an das Bewertungsobjekt. Den einzigen ökonomisch exakten Maßstab bei der Bestimmung dieser Rendite liefert der künftige interne Zinsfuß, den der Käufer im Falle anderweitiger Anlage seines Kapitals erzielen kann.

Die Konsequenzen einer expliziten Berücksichtigung aller im Falle des Nicht - Kaufes des Unternehmens vorgesehenen Investitions- und Finanzierungsmaßnahmen des präsumtiven Käufers sind in der Literatur zuerst von JAENSCH und SIEBEN diskutiert worden. Diese beiden Autoren überführen das Problem der Grenzpreisermittlung in ein Programmplanungsmodell von der logischen Struktur des so genannten Knapsack - Problems. 

Als Lösung dieses Problems ergibt sich diejenige Kombination von Variablen, die unter den zulässigen Kombinationen die wenigsten Mittel beansprucht und somit den höchsten Geldbetrag für den Erwerb des Unternehmens freisetzt. Die Zurückführung des Grenzpreisproblems auf dieses Capital - Budgeting - Modell bringt den Vorteil mit sich, dass der Kalkulationszinsfuß überflüssig wird. 


Angesichts der Schwierigkeiten, unter den Bedingungen des unvollkommenen Kapitalmarktes einen entscheidungstheoretisch vertretbaren und zugleich praktisch brauchbaren Kalkulationszinsfuß abzuleiten, muss der Nachweis der Möglichkeit einer Bewertung ohne Kalkulationszinsfuß als Lösung eines "Gordischen Knotens" erscheinen. 





Allerdings gibt es bis heute kein operationales Modell, das aus dem Allgemeinen Modell der Entscheidungswertermittlung abgeleitet ist und sich diese Möglichkeit der Bewertung ohne Kalkulationszinsfuß bewahrt hat. MATSCHKE forderte den im Audimax der TU Ilmenau versammelten akademischen Nachwuchs mehrfach dazu auf,  sich mit diesem Problem zu befassen und einen geeigneten Algorithmus zu finden.


Modelle der Entscheidungswertermittlung - Entscheidungswert als Grenzpreis

a) Zustandsgrenzpreismodell (ZGPM)


Das Zustandsgrenzpreismodell stellt eine Spezifikation des Allgemeinen Modells der Entscheidungswertermittlung in mehrfacher Hinsicht dar:


- mit Blick auf die Nutzwertermittlung,
- mit Blick auf die Alternativenbildung und
- mit Blick auf den Inhalt des Begriffs "Entscheidungswert".


Diese Spezifikationen ermöglichen die Übertragung dess Allgemeinen Modells in die Anwendung - wenngleich immer noch auf hohem Abstraktionsniveau.


Im Rahmen der funktionalen Bewertungslehre sind die in Deutschland vorherrschende investitionstheoretische Sichtweise der Unternehmensbewertung und die von der anglo - amerikanischen Forschungsrichtung bevorzugte finanzierungstheoretische Sicht gut miteinander vereinbar. Das von Thomas HERING aus dem Allgemeinen Modell der Entscheidungswertermittlung abgeleitete Zustandsgrenzpreismodell fasst diese beiden Perspektiven unter dem Oberbegriff der finanzwirtschaftlichen Unternehmensbewertung zusammen. Der Investitionstheorie kommt dabei vorrangig die Entscheidungsfunktion der Unternehmensbewertung zu, während die Finanzierungstheorie zur Ermittlung von Arbitrium- und Argumentationswerten eingesetzt werden kann. 
 
Der durch das ZGPM ermittelte Entscheidungswert ist stets eine Bandbreite und keine Zahl.



Es kann, ähnlich wie in der Physik, auch in der Unternehmensbewertung nur zwischen zwei "Unschärfen" gewählt werden: Möchte man den Entscheidungswert als subjektiven Grenzpreis investitionstheoretisch korrekt definieren, zeigt er sich wegen der unüberwindlichen Unsicherheit nur "verschmiert" als Bandbreite. Zwingt man jedoch den Unternehmenswert in das Korsett einer mit einem eindeutigen Ergebnis aufwartenden finanzierungstheoretischen Gleichgewichtsformel, entsteht eine unvermeidliche und kaum abschätzbare Unsicherheit in bezug auf die Entscheidungsrelevanz dieses Ergebnisses. Der Bewerter muss wählen, welche Unsicherheit ihm lieber ist.


Wer also von dieser Abhandlung einen Fortschritt in Richtung auf eine immer präzisere Eingrenzung des Unternehmenswertes erwartet hat, sieht sich enttäuscht: Ab einem bestimmten Punkt drehen sich alle Überlegungen im Kreis; die Unsicherheit läßt sich zwar veranschaulichen, aber nicht unter ein bestimmtes Maß reduzieren. Vielleicht ist es erlaubt, das geflügelte Wort von EMIL DU BOIS-REYMOND über das Wesen von Geist und Materie auch auf die Frage nach der Höhe des Unternehmenswertes ex ante zu übertragen: Ignoramus ignorabimus! (HERING)

Das ZGPM ist kürzlich für den Fall beidseitiger Agency - Konflikte erweitert worden (INWINKL, KORTEBUSCH, SCHNEIDER, in: BFuP 4/2009, S. 403-421):


Die Theorie der funktionalen Unternehmensbewertungslehre erfordert die Einbettung des Bewertungsobjekts in die Vorstellungen und Planungen des Bewertungssubjekts. Im Rahmen des ZGPM wird der Wert des Bewertungsobjekts von den strategischen Zielen und allgemein von dem gesamten Entscheidungsfeld des Bewertungssubjekts beeinflußt. Das Entscheidungsfeld umfaßt etwa die verfügbaren finanz- und realwirtschaftlichen Handlungsmöglichkeiten bzw. auch Handlungsbeschränkungen des Bewertungssubjekts. Insofern wird für jedes Bewertungssubjekt ein inidividueller Wert bestimmt. Dabei sind mögliche Agency - Konflikte (Anreizkonflikte), die in Unternehmen anzutreffen sind, auch für das subjektive Bewertungsumfeld des Bewertungssubjekts maßgeblich. Agency - Konflikte können dabei sowohl beim Bewertungsobjekt als auch beim Bewertungssubjekt auftreten. Ein Beispiel hierfür sind Manager - Eigner - Konflikte, wenn der Manager seine Vergütung, der Eigentümer hingegen den Unternehmenswert maximieren will.



Die Nutzung der Methoden der linearen Optimierung wie auch die Modellierung als Totalmodell dienen der Erkenntnisgewinnung hinsichtlich der Zusammenhänge. Sie stellen weder eine Empfehlung für die Praxis noch eine Aufforderung an die Praxis dar, auf gleicher methodischer Basis vorzugehen. Die auf modelltheoretischer Basis gewonnenen Erkenntnisse erlauben jedoch die notwendigen Vereinfachungen, die sich im praktischen Handeln ergeben, hinsichtlich ihres Aufgabenbezugs theoretisch fundiert zu beurteilen.


Die mathematische Methode der linearen Optimierung ist wohl ein Schlüssel zum Verständnis des ZGPM. Dabei wird erneut deutlich, dass das ZGPM aus MATSCHKEs Allgemeinem Modell der Entscheidungswertermittlung abgeleitet ist: Die zweistufige Vorgehensweise (Basisprogramm / Bewertungsprogramm) der Unternehmensbewertung wird ebenfalls mithilfe der Programmplanung beschritten. Auch die amerikanische Bewertungstheorie, die in der Regel von vollkommenen Kapitalmärkten ausgeht, schlägt für Capital Rationing, also Kapitalmarktbeschränkungen, lineare Programme vor.


Die Modellierung als Totalmodell bedeutet im Extremfall eine zentrale Totalplanung aller Investitions- und Finanzierungsobjekte, die jedoch durch organisatorische und Informationshemmnisse ausgeschlossen ist. Einerseits ist darin eine Grenze der praktischen Anwendbarkeit des ZGPM zu sehen. 

Andererseits liegt der Vorteil des ZGPM gerade darin, dass man Zustände unterschiedlich interpretieren kann (als Zeitpunkte, bezogen auf Sicherheit / als Umweltzustände, bezogen auf eine Risiko- oder Unsicherheitssituation). Um zu praktisch anwendbaren Modellen zu kommen, bedarf es heuristischer Komplexitätsreduktionen im Zustandsraum. Allerdings darf das ZGPM im Hinblick auf Zielfunktion und Entscheidungsfeld nicht vereinfacht werden; es besteht keine andere Möglichkeit, 


als den Hebel zur Komplexitätsreduktion an der Abbildung der Unsicherheit anzusetzen und durch das unüberschaubare Dickicht der künftigen Zustände eine gangbare "Schneise" zu schlagen. (HERING)




Das Vergleichsobjekt der entscheidungsorientierten Unternehmensbewertung  im Rahmen des ZGPM hat nichts mit einem "vergleichbaren Unternehmen" zum Bewertungsobjekt zu tun.






Copyright: Sven Müller





"Viel Spaß bei der Suche nach einem vergleichbaren Unternehmen" wünschte MATSCHKE an dieser Stelle vermutlich all denjenigen, die den groben Vereinfachungen des Multiplikatorverfahrens erlegen sind. In der Tat gibt es keine vergleichbaren Unternehmen. Kein Unternehmen ist in seiner Individualität reproduzierbar. Sogar dasselbe Unternehmen hält infolge rasanter Veränderungen der Unternehmens - Umwelt einem Zeitvergleich nicht mehr stand und ist nach einem gewissen Zeitablauf eben nicht mehr dasselbe.

Modelle der Entscheidungswertermittlung - Entscheidungswert als Grenzpreis

b) Zukunftserfolgswertverfahren ZEW


Mit dem Zukunftserfolgswertverfahren lässt sich auf unvollkommenem Markt und ohne Lösung des Totalmodells nur ein Berich für den Entscheidungswert P (max.) - hoffentlich eng - abgrenzen. Hierzu ist eine möglichst genaue Abschätzung der endogenen Grenzzinsfüße von Basis- und Bewertungsprogramm erforderlich. Es ergibt sich folglich eine methodisch bedingte Unschärfe bei der Ermittlung des Entscheidungswertes.


Dieser "Defekt" bei der Ermittlung exakter Entscheidungswerte hat nichts mit der Diskussion um sogenannte "Punkt - Prognosen" und Prognosen in Form von "Spann - Breiten" zu tun; darauf wird unter "Berücksichtigung der Unsicherheit" eingegangen.


c) Optimale Geltungszahl



SCHMALENBACHs optimale Geltungszahl ist ein spezieller Entscheidungswert.


Unter den Bedingungen eines vollkommenen Kapitalmarktes bei sicheren Erwartungen wird der Zinssatz für die Kapitalkosten (Kalkulationszinssatz) durch den Markt bestimmt. Wenn die Annahme sicherer Erwartungen fällt, läßt sich der periodenspezifische Zins in der Regel nur noch als Bandbreite schätzen. Sobald zusätzliche Kapitalmarktunvollkommenheiten bestehen, kann nicht einmal mehr die Opportunität ex ante identifiziert werden. Der Kalkulationszins wird dann zu einer subjektiven Größe, einem Lenkpreis, dessen Quantifizierung von der verfolgten Zielsetzung und dem Entscheidungsfeld abhängt. SCHMALENBACH bezeichnet einen derartigen Grenzzins als optimale Geltungszahl und die Lenkpreissteuerung der betrieblichen Entscheidungen als pretiale Lenkung.


Berücksichtigung der Unsicherheit


Die unsicherheitsverdichtenden Planungsverfahren sind beliebt, aber sie verdecken das eigentliche Problem mehrwertiger Erwartungen. Die Aussagefähigkeit des ermittelten (Punkt-) Wertes ist daher gering. Es wird nicht deutlich, welche Risiken das Entscheidungssubjekt bezogen auf den ermittelten Wert eingeht.


BRÖSEL / HAUTTMANN (Einsatz von Unternehmensbewertungsverfahren zur Bestimmung von Konzessionsgrenzen sowie in Verhandlungssituationen - eine empirische Analyse - in: FINANZBETRIEB, 9. Jahrgang, April 2007 Teil I, Mai 2007 Teil II) schreiben zu dem Problem unsicherheitsverdichtender Planungsverfahren:


Punktwerte sind das Ergebnis einer Unternehmensbewertung, wenn die Unsicherheit beim Einsatz der Verfahren verdichtet wird. Die Aggregation der Unsicherheit auf eine exakte Zahl kann z.B. durch Komprimierung der Eingangsdaten erfolgen. Bei der in der Praxis weit verbreiteten Risikozuschlagsmethode findet eine solche Komprimierung der Eingangsdaten statt, indem versucht wird, den Kalkulationszins risikospezifisch zu adjustieren. Auf Punktwerte aggregierte Entscheidungswerte sind jedoch zur Entscheidungsfindung wenig sinnvoll, denn "die Unsicherheit (...) soll nicht "weggerechnet", sondern vielmehr in ihren vollen Auswirkungen aufgedeckt werden".

Die zitierte Abhandlung von BRÖSEL / HAUTTMANN ist sehr instruktiv und eröffnet ungewöhnliche Perspektiven, die so in keinem Lehrbuch zu finden sind.




Wolf F. FISCHER - WINKELMANN beklagt in seiner Abhandlung Sollen impliziert Können - Grundsätze ordnungsgemäßer Unternehmensbewertung einmal anders (BFuP 4/2009, S. 343 ff.) die in der Bewertungspraxis sehr häufig anzutreffenden so genannten "Punktprognosen":


Die einwertigen Prognosen, sprich die sogenannten Punktprognosen, welche die Bewertungspraxis in Spruchverfahren der BIG FIVE und deren Ableger oder sonst nahestehenden Gesellschaften prägen, suggerieren dem Adressaten der Bewertungsergebnisse optisch und gefühlsmäßig einen hohen Sicherheitsgrad der ermittelten Werte, da dieser in der Regel die desaströsen Hintergründe nicht durchschaut. Die Punktprognosen pflegen in Gutachten-, Umwandlungs-, Verschmelzungsberichten usw. so präsentiert zu werden, als könnte man künftige Entwicklungen, insbesondere die zu erwartenden Netto - Ausschüttungen, in einer Zahl (einwertig) ausdrücken. Nun ist es aber so, daß nachweislich jede Prognose unsicher, d.h. mehrwertig ist (logisch sein muß, Popper!) und immer, offen oder verdeckt eine Bandbreite möglicher zukünftiger Werte umfaßt. Bei einwertig präsentierten Bewertungsverfahren werden die einwertig prognostizierten Zukunftsergebnisse intiuitiv zu einem einwertigen Unternehmenswert zusammengefaßt, der sozusagen im Hintergrund eine unbekannt bleibende Bandbreite möglicher Werte irgendwie repräsentiert. So produzierte Unternehmenswerte sind Selbsttäuschung, die dann zur Täuschung der Adressaten führen, wenn man es rigide formulieren möchte.


Ein geeignetes Bewertungsverfahren hat die logische Notwendigkeit stets mehrwertiger Erwartungen hinsichtich des Zukunftserfolges des zu bewertenden Unternehmens zu berücksichtigen. Es impliziert eine Entscheidung des Bewertungsadressaten (Käufer/Verkäufer) zwischen verschiedenen - unterschiedlich risikobehafteten - Grenzpreisen und setzt beim Bewerter die Kenntnis der Risikopräferenz des Käufers / Verkäufers voraus. In diesem Sinne ist "das" Risiko Ergebnis des Bewertungskalküls, nicht Determinante.









BRÖSEL / HAUTTMANN:

Im Rahmen von die Unsicherheit aufdeckenden Verfahren werden Konzessionsgrenzen in Form von Bandbreiten oder bestenfalls Verteilungsfunktionen ermittelt. Wie die Ergebnisse der Befragung zeigen, werden Entscheidungswerte als Bandbreiten von den befragten Unternehmen mit großer Mehrheit bevorzugt. Um die Wertebereiche von Entscheidungswerten transparent darstellen zu können, eignen sich besonders die Verfahren der Risiko- und der Sensitivitätsanalyse, welche zur Entscheidungswertermittlung mit investitionstheoretischen Bewertungsmodellen kombiniert werden sollten. Eine solche Bandbreite ergibt sich somit durch die Berechnung des Werts mit ein und demselben Verfahren, welches im Hinblick  auf die Entscheidungswertermittlung ein investitionstheoretisches Modell sein sollte, mit verschiedenen, als möglich erachteten Eingangsdatenkombinationen.





Mehrwertige Erwartungen beeinflussen die Schätzung der Zählergröße des Kapitalwertkalküls.

Zu den mehrwertigen Planungsverfahren zählen die

  • Szenario - Analyse und
  • die Planung auf Basis des Entscheidungsbaumverfahrens.


Für einen sinnvollen Umgang mit Unsicherheit ist die prägnante Abhandlung Six Rules for Effective Forecasting von Paul SAFFO (Harvard Business Review, July-August 2007, S. 122-131) zu empfehlen:


The goal of forecasting is not to predict the future but to tell you what you need to know to take meaningful action in the present.



Bei Anwendung der Szenariotechnik darf der Fokus nicht allein auf dem Bewertungsobjekt liegen.


Außerdem muss man sich darüber im klaren sein, dass die Szenariotechnik zu den kausalen Denkverfahren gehört, die der Komplexität heutiger Netzwerkunternehmen möglicherweise nicht mehr angemessen sind. 

Die Monte - Carlo - Simulation ermöglicht es, sehr unterschiedliche Informationsstände zu verarbeiten. Die statistische Auswertung der Simulationen bietet dem Entscheidungssubjekt zwar keine bedingte Entscheidungsempfehlung, aber liefert eine anschauliche Entscheidungsgrundlage, um eine subjektive Entscheidung unter Berücksichtigung des damit verbundenen Risikos treffen zu können.





Die Ergebnisse der Monte - Carlo - Simulation sind gleichverteilt, aber die einzelnen Größenbereiche sind unterschiedlich stark besetzt, so dass man die Anzahl der in den jeweiligen Größenbereich fallenden Simulationsergebnisse angeben kann, um eine Vorstellung über die Häufigkeitsfunktion zu erhalten.



Bereits seit den 1970er Jahren werden Monto - Carlo - Simulationen in Deutschland diskutiert. Einen grundlegenden Aufsatz lieferte COENENBERG (ZfB 1970, S. 793-804). Im Rahmen der Unternehmensbewertung fristet diese Möglichkeit der Simulation von Risiken allerdings ein Schattendasein. Im Rahmen der Risikosimulation erfolgt keine Verdichtung der periodenspezifisch prognostizierten Zahlungsüberschüsse auf einen einzelnen für die jeweilige Periode repräsentativen Wert. Statt dessen werden die im Rahmen der Cash Flow - Prognose notwendigerweise erhobenen Daten in jeder Periode für die Berechnung in Form von periodenspezifischen Zahlungsüberschuss - Verteilungen genutzt. Die Simultion mittels einer Monte - Carlo - Simulation erfolgt somit nicht auf Grundlage einwertiger Daten, sondern durch mehrwertige Daten in Form statistischer Verteilungen.


Die benötigten Daten sollten im Rahmen der Erstellung des Business Plans für das Preis- und Mengengerüst der wesentlichen Werttreiber analysiert und systematisch erhoben werden. In der Praxis werden sich für die Modellierung einzelner Größen aufgrund mangelnder Datenbasis insbesondere die Gleich- und die Normalverteilung anbieten. Für spezielle Zwecke können jedoch auch Dreiecksverteilungen oder die Lognormalverteilung hilfreich sein. Letztere bietet sich insbesondere für die Modellierung absoluter Marktvariablen wie für Preise oder Mengen an, da hierdurch negative Realisationen ausgeschlossen werden. 


Im Rahmen der Monte - Carlo - Simulation werden in jedem Durchlauf zufällige Ausprägungen der zuvor definierten Verteilungen gezogen und der aus diesen Kombinationen resultierende Unternehmenswert ermittelt. Die durch mehrfache Wiederholung bestimmten Unternehmenswerte können anschließend zu Klassen in einem Histogramm zusammengefasst werden und geben Aufschluss über die zu erwartende Häufigkeit einzelner Unternehmenswerte. 


Die Risikosimulation unterstützt die Bewertungsinteressenten bei ihrer Entscheidungsfindung, indem die mit einem bestimmten Kaufpreis verbundene Struktur der resultierenden Chancen und Risiken veranschaulicht wird. 




MATSCHKE fasste seinen Vortrag in fünf provokativen Bemerkungen zusammen:
 

 



Empfehlungen für Studierende:

  • Nur wenn auf der Preisskala der Entscheidungswert des präsumtiven Käufers über dem Entscheidungswert des Verkäufers liegt, kommt es zu Verhandlungen zwischen diesen beiden Parteien. In der Realität liegt aber erfahrungsgemäß die Preisvorstellung des Verkäufers über derjenigen des Käufers. Dies lässt sich auch in unserem Alltag beobachten, man denke nur an einen Gebrauchtwagenkauf. Stößt man in diesem Fall sehr schnell an eine Grenze der funktionalen Unternehmensbewertung? Eine ausführliche Beantwortung dieser Frage ist ein guter Schlüssel zum grundlegenden Verständnis.

  • Ein vertieftes Verständnis erhält, wer sich die folgende Frage vorlegt: Wie verläuft die Wertkurve eines Unternehmens mit "ewiger" Lebensdauer aus Sicht des Käufers bzw. aus Sicht des Verkäufers bei wachsendem Erfolg des Unternehmens? Zielfunktion und Entscheidungsfeld seien gegeben. Annahme: Der präsumtive Käufer verfüge nur über begrenzte Mittel an Eigen- und/oder Fremdkapital.


Besonders gut zum Selbststudium geeignet ist das Buch Unternehmensbewertung von MATSCHKE / BRÖSEL




Jedes Kapitel beginnt mit einem Überblick sowie den Lernzielen und wird mit Kontrollfragen beendet. Da dieses Werk auch als Kompendium benutzt werden kann, lohnt sich ein Kauf. In jedem Fall ist es  für Theorie und Praxis das neue Standardwerk zur Unternehmensbewertung.




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Download der Folien zum Vortrag von Prof. Dr. Manfred Jürgen Matschke am 16.12.2009 an der TU Ilmenau

Direktansicht der Folien zum Vortrag von Prof. Dr. Manfred Jürgen Matschke am 16.12.2009 an der TU Ilmenau


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Ausgewählte Veröffentlichungen von Prof. Dr. Manfred Jürgen Matschke