Freitag, 14. August 2009

Eugen Schmalenbach, der Gründer der "Kölner Schule", III.


Der Mensch

Wenn Eugen Schmalenbach im vierten Jahrhundert vor Christi Geburt in Athen gelebt hätte und dort auf der Agora dem Repräsentanten der Älteren Kynischen Schule Diogenes von Sinope begegnet wäre, als dieser mittags mit der Laterne nach "Menschen" suchte, dieser Philosoph wäre sicherlich vor Schmalenbach stehengeblieben und hätte ihn freudig mit "o anthrope" begrüßt; denn ähnlich wie dieses griechische Wort Mensch und Mann bedeutet und Mensch auch sprachlich mit Mann zusammenhängt, so verkörpert Eugen Schmalenbach im besten Sinne Mannestum und Menschentum.

Wie kam es aber zu dieser seltenen Persönlichkeit? Es waren sein Mut, seine Gradheit und Aufrichtigkeit sowie seine damit verbundene Treue seinem Werke, sich selbst, seiner Familie und seinen Freunden gegenüber.

Mögen die Gegenstände seiner Forschungen sich sehr voneinander unterscheiden, mögen sich in seinen Arbeiten hier und da Widersprüche zeigen - wenn ein Mensch sich niemals widerspricht, so liegt das nach Miguel de Unamuno einfach daran, daß er nichts von Belang zu sagen hat -, er ging in seinen Analysen immer vom ökonomischen Prinzip aus. Aus ihm entwickelte er den Reichtum seiner Ideen, wobei diese Ideen derartig mit ihrem Träger verknüpft waren, daß der Träger als die Verkörperung seiner Ideen erschien. Hierin sehen Freunde von ihm das Geheimnis seiner über seine Leistungen hinausgehenden Wirksamkeit.

Zu dieser Treue zu seinem Werk gesellte sich die Treue zu seiner Wirkungsstätte, zu Köln, als der Königing der Rheinlande, sowie zu seiner Alma Mater. Die Gründe hierfür waren die weitgehenden Forschungsmöglichkeiten, die zentrale Stellung der Betriebswirtschaftslehre innerhalb der Wirtschaftswissenschaften an der Universität zu Köln und nicht zuletzt der genius loci dieser rheinischen Wirtschaftsmetropole und alten Freien Reichsstadt, der den Westfalen anzog.

Eugen Schmalenbach ist sich selbst treu geblieben. Das beweist vor allem seine demokratische Haltung, die ihn 1933 bis 1945 veranlaßte, sich durch Emeritierung von seiner geliebten Lehrtätigkeit zurückzuziehen. In den ersten Jahren seiner Emeritierung konnten seine Bücher noch erscheinen. Hierbei zeigte er einen Mut, der seine Freunde die schlimmsten Folgen für ihn befürchten ließ. So verzichtete er in der 6. Auflage seiner "Selbstkostenrechnung und Preispolitik" (Leipzig 1934, S. 294) auf die Erörterung der Preispolitik unter dem Gesichtspunkt des "Gemeinnutzens" mit folgender Begründung:

"Überdies ließe sich ein solches Thema nicht ohne Kritik der bestehenden Zustände bearbeiten." ... "Aber es wäre auch Negatives zu sagen, zum Beispiel über die Beseitigung der Wirtschaftsfreiheit da, wo sie frei sein darf und frei sein sollte. Ob man aber bei negativer Kritik nicht den Punkt überschreitet, wo die erlaubte Kritik aufhört und als unerelaubte Nörgelei gilt, weiß man im Einzelfall nicht. Unter diesen Umständen versteht man, daß ein ordentlicher Staatsbürger, der die Gesetze zu halten wünscht, die Erörterung von Problemen unterläßt, bei denen die gesetzlichen Grenzen der Kritik nicht deutlich wahrnehmbar sind. Eine lediglich positive Kritik liegt mir schon deshalb nicht, weil sie mir den ganz üblen Nachgeschmack der Speichelleckerei verursachen würde."

Im Vorwort desselben Buches hatte er diesen Verzicht auf preispolitische Erörterungen schon wie folgt angedeutet: "Hinsichtlich der formalen Zielsetzung des Buches sind die in früheren Auflagen stark betonten wirtschaftspolitischen Gedankengänge gemodelt worden. Vorschläge und Postulate haben einer lediglich betrachtenden Darstellung Platz gemacht. Der Verfasser fühlt sich berechtigt, die Arena zu verlassen und sich in den Zuschauerraum zu begeben."

Ferner wurde in diesem Vorwort die damalige Abkehr von früheren Erziehungszielen des wirtschaftswissenschaftlichen Unterrichts folgendermaßen bedauert: "Sie (gut durchgeschulte Betriebswirtschaftler) haben in der Durchdringung der Wirtschaft mit exakter Rechenfestigkeit und der Abwehr unexakten Tuns und Redens viel geleistet. Heute tritt diese Schulungsweise an den Wirtschaftsfakultäten und Handelshochschulen gegenüber anderen Erziehungszielen zurück. Aber die Wirtschaft braucht diese Wertungsspezialisten nach wie vor, ..."

Vorbildlich wirkten Schmalenbachs harmonische Ehe und die Treue zu seiner Familie. Trotz der politischen Verhältnisse seit dem Jahre 1933 errichtete er noch Ende desselben Jahres seiner jüdischen Gattin Marianne durch die Widmung seines Buches "Kapital, Kredit und Zins in betriebswirtschaftlicher Beleuchtung" (Leipzig 1933), das vielfach als sein wissenschaftlich wertvollstes Werk angesehen wird, ein Denkmal mit den Worten: "Dieses Buch ist meiner Frau gewidmet. Es ist der bescheidene Versuch einer Abgeltung wichtiger Verdienste um meine wissenschaftliche Arbeit. Diese Arbeit kann nur gedeihen in einem Hause, in dem liebevolle Fürsorge den Verfasser und seine Arbeitsstätte umgibt."


(Münstermann, Hrsg.: Geschichte und Kapitalwirtschaft, Beiträge zur Allgemeinen Betriebswirtschaftslehre, Wiesbaden 1963, S. 30-31)

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